Mai 2005
Exzerpt

Foucault: Was ist ein Autor?

Foucault, Michel: Was ist ein Autor? In: Foucault, Michel: Schriften zur Literatur. Frankfurt am Main : Fischer, 1988, S. 7-31. - Orginalausgabe: Qu'e cest-ce qu'un auteur? In: Bulletin de la Sociéte française de Philosophie, Juli-September 1969. Übersetzung: Hofer, Karin von; Botond, Anneliese.

Fazit

Ich habe an keiner Stelle entdecken können, das Foucault wirklich den Tod des Autors fordert in dem Sinne, dass man den Autor vernachlässigen kann. Was Foucault macht, ist erstens den Schreiber von dem zu trennen, der eine geistesgeschichtliche Wirkung auf seine Welt und Nachwelt hatte, das ist für ihn der Autor. Was Foucalt zweitens klarmachen will, ist dass es nicht um diesen Autor als Person geht, wenn er einen Text analysiert. Der Autor ist für ihn eine Funktion, eine Schnittstelle, in die etws hineingeht und aus der etwas herauskommt. Foucault lehnt es sogar ab, biographische oder psychologische Bezugspunkte auszuklammern. Aber: Er will sie nicht dafür verwenden, um eine Idee davon zu bekommen, wie ein Autor einen Text ursprünglich gemeint haben könnte, sondern um zu verstehen, wie etwas in die Funktion Autor kam und warum was mit welcher Wirkung daraus geworden ist. Foucalt will einfach nicht vom Autor ausgehen, sondern er geht von der Gesellschaft aus und ihren Denkmodellen und Inhalten. Und Ideen und Inhalte, oder wie er es nennt, Stoff, übernehmen eine Funktion im Diskurs. Der Autor ist ein Bestandteil von dieser Funktion, er kann an der Transformation mitwirken. Aber eine solche Transformation kann eben auch ohne einen Autor stattfinden, z.B. im Kommunizieren der Massen.
Was für meine Arbeit perfekt geeignet ist, ist Foucault Vorstellung vom Autor als Funktion/als Maschine/als Prozessor, in die etwas hineinkommt und aus der etwas herauskommt. Es geht nicht darum, eine historische Person zu verstehen, sondern einen Transformationsprozess zu beobachten. Und biographische oder psychologische Details liefern Hinweise dafür, wie die Schnittstelle Autor funktioniert.
Ein Unterschied liegt allerdings in der Fragestellung. Foucault intersssiert sich für die Entstehung von Diskursen. Ich interessiere mich dagegen dafür, wie aus diesen Diskursen Urteile werden. Auch mir ist eigentlich egal, wer spricht, wer schreibt, aber ein Urteil ist immer an eine Person gebunden, ein Diskurs nicht. Solange ich in meinen Autoren also nur die Transformation von Diskursen zu Urteilen beobachte, werde ich keine Probleme mit der Sichtweise von Foucault bekommen. Etwas anderes wäre es, wenn ich meine Autoren als Diskursbegründer sehen würde. Dann wäre die Wichtigkeit des Autors nicht mehr zu rechtfertigen, da Diskurse auch ohne die Funktion Autor entstehen können.

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9 - Will Kritik üben an seinen früheren Ansichten
9 - In "Die Ordnung der Dinge" sprach er von Diskursen, hat aber naiv dennoch Autorennamen verwendet.
9 - "(...) denn mein Problem war nicht, Buffon oder Marx zu beschreiben oder wiederzugeben, was sie gesagt hatten oder hatten sagen wollen: ich versuchte einfach, die Regeln zu finden, mit denen sie eine bestimmte Zahl von begriffen oder theoretischen Einheiten gebildet hatten."
11 - Will über die Beziehung von autor und Text reden.
12 - Das Schreiben ist mit dem Tod verwandt [???]
13 - "Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu töten, seinen Autor umzubringen."
13 - Was ist ein Werk? Alles schriftlich hinterlassene? Problem der Ausgrenzung. 13 - Noch ein andere Begriff blockiert die Feststellung vom Verschwinden des autors: das Schreiben. Er lässt nur wieder neutraler und anonymer das Bild fortbestehen, dass das Bild vom Autor aufgebaut hatte.
14 - Reicht nicht aus, als Leeraussage zu wiederholen, dass der Autor verschwunden ist, man muss eher den freigewordenen Raum des Autors ausfindig machen.
16-17 "(...) ein Autorenname ist nicht einfach ein Element in einem Diskurs (der subjekt oder Ergänzung sein kann, die von einem Pronomen ersetzt werden kann, usw.); er hat bezogen auf den Diskurs eine bestimmte Rolle: er beistzt klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl von Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen."
17 - Foucault trennt den Autor vom Schreiber. Es gibt Diskurse, die einen Autor als Funktion haben, aber andere haben sie nicht. Eine Privatbrief kann einen Schreiber haben, aber keinen Autor.
18 - Manche Diskurse haben einen Autor als Funktion. Funktion ist hier aber anscheinend nicht im Sinn von "Ziel" verwendet, sondern als movens oder mathematische "Funktion" im Diskurs, im Sinne eines funktionierenden Teils, wie "Modul".
21 - Beispiel Hieronymus: Wie soll man feststellen, ob ein Buch vom selben Autor ist?
21 - 22 "Autor ist derjenige, durch den gewisse Ereignisse in einem Werk ebenso wie deren Transformationen erklärt werden können, deren Deformationen, deren verschiedene Modifikationen (und dies durch die Autorbiographie, die Suche nach der individuellen Sichtweise, die Analyse seiner sozialen Zugehörigkeit oder seiner Klassenlage, die Entdeckung seines Grundentwurfs). Der Autor ist ebenso das Prinzip einer gewissen Einheit des Schreibens, da alle Unterschiede mindestens durch Entwicklung, Reifung oder Einfluß reduziert werden. Mit Hilfe des Autors kann man auch Widersprüche lösen, die sich in einer Reihe von Texten finden mögen: es muß da - in einer gewissen Schicht seines Denkens oder seines Wünschens, seines Bewußtseins oder seines Unterbewußtseins - einen Punkt geben, an dem sich die unvereinbaen Elemente endlich verketten lassen oder sich um einen tiefen und ursprünglichen Widerspruch gruppieren. Schließlich ist der Autor ein bestimmter Brennpunkt des Ausdrucks, der sich in mehr oder minder vollendeter Form genauso und im gleichen Wert in den Werken, den Skizzen, den Briefen und den Fragmenten offenbart." [Foucault dreht die Sache hier um: Der Autor ist hier nicht mehr der Erschaffer des Werkes, dafür erfindet er ja den Schreiber, sondern der Autor wird inhaltlich und stilistisch als Bindeglied zwischen Texten gedacht. Er ist ein geistiges Ding eine Funktion, eine Maschine könnte man sagen, die eine zeitliche Dimension hat, in der sich Inhalte sammeln, verändern, sich von außen beeinflussen lassen und dann zu Text werden, der selbst nicht mehr beeinflussbar ist, nicht mehr eine historische Dimension hat.] 23 - 24 - "Nun ist aber leicht einzusehen, daß man im Ordnungsbereich des Diskurses Autor von weit mehr als einem Buch sein kann, Autor einer Theorie, einer Tradition, eines Fachs, in denen dann andere Bücher und andere Autoren ihrerseits Platz finden können." Von diesen Autoren, die innerhalb eines Diskures wirken, trennt Foucault die Diskursivitätsbegründer: "Das Besondere an diesen Autoren ist, daß sie nicht nur die Autoren ihrer werke, ihrer Bücher sind. Sie haben noch mehr geschaffen: die Möglichkeit und die Bildungsgesetze für andere Texte.". Foucalt führt genauer aus, welche Unterschied er zwischen Autoren mit Wirkung und Folgegeschichte (z.B. Ann Radcliffe und ihre Wirkung auf den Schauerroman des 19. Jahrhunderts) und wirklichen Diskursivitätsbegründern (wie z.B. Marx oder Freud).

[Ich habe ein Problem mit diesem Beispiel. Es ist am besten mit der modernen Technikgeschichte zu vergleich, in der man nicht mehr einen einzelnen Erfinder postuliert, sondern im Vorfeld und Nachfeld von historisch konstruierten Erfinderpersönlichkeiten auch einen wichtigen Beitrag entdeckt. Zum einen. Und zum anderen Berücksichtigt, dass eine ganze Gesellschaft bereits sein muss für einen Wandel und die Erfindungen immer auch von der Gesellschaft angenommen werden, adaptiert und umgesetzt werden müssen, damit so zu etwas werden, was wir eine Erfindung nennen. Mit einem neuen Diskurs ist es nicht anders. Er hat seine geistigen Väter und seine geistigen Nachahmer, und schließlich braucht es die ganze Gesellschaft, die sich die neuen Denkmuster zu eigen macht. Und zwar nicht wegen der Genialität des einen Autors, sondern weil die Gedanken selbst dem Zeitgeist entsprechen. ]

Zum anderen wird für meine Arbeit klar, dass Foucault sich vor allem mit den ändernden Autoren beschäftigt, nicht mit den beeinflussten Autoren. Aber evtl. gilt das nur für diesen Aufsatz. Das macht eigentlich keinen Sinn: denn wenn ein Autor tot sein soll und stattdessen der Diskurs an dessen Stelle tritt, dann müsste es eigentlich um die nachahmenden Autoren gehen, die nur aus ihrem Diskurs heraus schreiben.]

26 - "Wenn man einen Diskursivitätstyp wie die Psychoanalyse, so wie sie von Freud begründet wurde, ausweitet, si heißt das nicht, ihr formale Allemeinverbindlichkeit zu geben, die sie etwa zuvor nicht zugelassen habe, sondern einfach ihr eine gewisse Zahl von Anwendungsmöglichkeiten erschließen."
- 26 [Eine gutes Detail zu Foucalts Diskursbegriff. Diskurs ist nicht etwas, was einengt, sondern was dem einzelnen neue Möglichkeiten erschließt.]

28-29 "Weil der Text nämlich von einem Autor ist, hat er begründeten Wert und weil der Text von diesem bestimmten Autor ist, muß man auf ihn zurückkommen.". Foucault macht ein Beispiel: Die Widerentdeckung eines unbekannten Textes von Newton würde nicht unser Bild der Mechanik ändern. Das Auftauchen eines Textes von Freud würde allerdings die Theorie der Psychoanalyse ändern, nicht nur das historische Wissen über die Psychoanalyse.

[Auch kein gutes Beispiel: Das liegt viel eher daran, dass Naturwissenschaften immer aufbauen vorankommen, die Geisteswissenschaften dagegen Gedankengebäude immer neu bauen, evtl. aus dem Schutt er eingerissenen, aber doch neu. Ein Physiker würde sich - abgesehen von einer historischen Arbeit - auch nicht mit derart alten Texten beschäftigen. Ein Psychoanalytiker schon, weil er Gedankengebäude neu bauen kann, nicht nur auf den alten.]

29-30 Aber dann überlegt er etwas ganz ähnliches, wie ich es auch in meiner Arbeit versuche: "Würde man eine solche Analyse weiterentwickeln, so könnte sie vielleicht zu einer Typologie der Diskurse führen. Es scheint mir nämlich, zumindest bei erster Annäherung, daß eine solche Typologie nicht nur ausgehen dürfte von den grammatischen Merkmalen der Diskurse, ihren formalen Strukturen oder gar ihren Gegenständen; es gibt nämlich besondere diskursive Eigenschaften oder Relationen (die nicht auf die Regeln der Grammatik oder der Logik, auch nicht auf die Gesetze der Gegenstände zurückgeführt werden können) und gerade auf diese sollte man seinen Blick richten, um die großen Diskurskategorien unterschieden zu können."
Genau in diesem Stil will ich auch Typologien bilden, aber eben an einem anderen Ort. Foucault untersucht den Autor als movens eines Diskurses, als der, der ihn anschiebt und prägt. Er sagt auf S. 31, dass Diskurse auch ohne Autor auskommen, es ist dann nur das namenlose Gemurmel der Massen. Aber wo wird untersucht, wie sich diese Diskursänderungen in der Gesellschaft auswirken, oder besser gesagt, fortsetzen, denn der neue Diskurs ist ja keine Meinung, sondern eine neue Denkweise, in der die Gesellschaft zu denken beginnt. In derselben Art und Weise will ich ja die Typologie des Urteilens untersuchen und über die Gegenstände und Inhalte des Urteilens hinauskommen.

30 - Die Nähe zu meiner Fragestellung wirft Foucault selbst auf: "Ich glaube andererseits, daß man hier einen Einstieg in die historische Analyse der Diskurse finden könnte. Vielleicht ist es an der zeit, Diskurse nicht mehr nur nach ihrem Ausdruckswert oder ihren formalen Transformationen zu untersuchen, sondern in ihren Existenzweisen: die Art der Verbreitung, der Wertung, der Zuschreibung, der Aneignung ist in jeder Kultur anders und wandelt sich in jeder einzelnen; die Art, wie sie sich über die gesellschaftlichen Beziehungen äußern, läßt sich meiner Meinung nach direkter durch die Funktion Autor und ihre Veränderungen entziffern als in den Themen und Begriffen, die sie verwenden.