Mosaikum 1.0
Von KerLeone


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12.9.2009
Der Selbstmord
Der Koffer wurde ihm zunehmend schwer in der Hand, je länger er lief
und als er hinaufstieg
bemerkte er, dass die Treppe sich hinter ihm zusammenfaltete
doch er schaute nicht zurück
im Zimmer machte er Licht und sah eine Kerze stehen
er hatte die Vorstellung, sie stecke in seinem Kopf
dann
spürte er im Koffer das plötzliche Gewicht eines gewaltigen Lärms
als rede eine gesamte Stadt darin
den ganzen Tag lang war er herumgelaufen
als suche er ein Loch in seinem Inneren
und von irgendwoher
waren Gewirr und endlose Gespräche geprasselt

Den ganzen Tag lang hatte er gespürt, wie Dinge sich
in seine Kleidung und in seinen Koffer verirrten
meist las er seine Gedanken von der Straße auf
oder griff sie aus der Luft
ebenso verlor er Dinge, auf die er nicht Acht gab
wie ein Gewand, das sich heimlich davonschlich

Dann merkte er, dass er den Blick nicht fassen konnte
aus der Leere
und ihm etwas davon in den Wimpern hängen blieb
wie ein Wort auf der Zungenspitze

Die Luft war warm
die Häuser
und die Stadt
folgten aufeinander
er konnte sich nicht erinnern, doch die Dinge stürzten auf ihn ein
als entstiegen sie einem Loch in der Zeit
er bahnte sich den Weg zu einer Straße, die aus der Ferne näher kam
Toren entgegen, die plötzlich aufleuchteten in der Finsternis
aus allen Richtungen vernahm er das Gemurmel
von Zeugen, die ihn identifizierten

Sie diskutierten, und geistesabwesend schnappte er
Fetzen ihrer Stimmen auf
unfähig, den Kopf aus dem Dunst zu heben

Er lief im Gestern
sie sprachen miteinander, und er würgte die Worte hervor
überholte Worte
er hatte die Sprache verloren
wandelte im Gedächtnis
als liefe er durch eine Ausstellung
in der ihm nichts gehörte
vergeblich musste er von neuem beginnen und wieder seinen Namen buchstabieren
und dies vom gegenüberliegenden Gehweg aus
doch immer, wenn er ansetzte
beengte ihn sogar der Schatten seines Hutes
und wann immer er merkte, dass seine Bewegungen stürzten und sich wiederholten
dass er den Atem anhalten musste
damit sein Rückgrat nicht jedes Mal klirrte, wenn er darauf achtete
und im Echo wogte
war dies zweifellos keine Bagatelle

Er musste also nichts tun
musste nur das Ende der Straße erklimmen
hinterließ dabei eine Schnur von Schritten, die er sich von den Füßen löste
er musste sich dort aufstellen wie ein Mast
(was an ein mittlerweile fernes Meer erinnerte)
und hinter sich
die Lampen eine nach der anderen erlöschen lassen

Am Morgen lag er ausgestreckt da
die Brille zerbrochen
doch aus seinen Augen strömte es weiß
auf dem Tisch befanden sich eine Zeitung und ein aufgeschlagenes Buch
eine Flasche und zwei leere Gläser
eine Schlaftablette
kleine Zeichnungen auf einem Blatt und der Versuch
ein Wort mit großen Buchstaben zu schreiben
und auf dem Tisch lag auch
ein blankpolierter Revolver
die Schuhe standen bereit
das Hemd lag gefaltet
und die Uhr auf einem Stuhl

Er trug halb einen Pyjama und halb Straßenkleidung
offensichtlich war er in mancherlei Hinsicht unentschlossen
als er sich erschoss
war das Zimmer im Großen und Ganzen aufgeräumt
die Zeit kroch langsam voran
wie eine Fliege eine Scheibe empor
auf der Straße rollten wie eine Welle ein Arzt, Polizisten und Genossen heran
die Polizisten waren sehr verärgert
denn er hatte ihnen nichts hinterlassen
der Arzt entdeckte keine Anzeichen für einen Komplott
die Genossen nahmen ihn streng ins Gericht
und auch wenn schon alle von seinem Selbstmord wussten
redeten sie unaufhörlich von seiner Leiche
und rezitierten - vielleicht - aus seinem Werk
ein Gedicht über die Zukunft
Abbas Beydoun: Der Selbstmord

12.9.2009
Nuun
Charakteristisch für die Weltsicht der Ozeanier ist etwa die Vorstellung, dass Menschen und Dinge nicht nur materiell vorhanden seien, sondern zugleich einen nicht-materiellen Doppelgänger hätten, eine geist-artige Entsprechung.
"Das Wort für das geistartige Doppel des Menschen heißt 'Nuun', aber dieses Wort kann auch bedeuten, dass ein Schatten oder Spiegelvorgang bezeichnet wird. Also wenn man sagen will "Die Sonne spiegelt sich im Wasser", muss man sagen, in deutsch übersetzt, "Die Sonne versieht sich mit einem geistartigen Doppel". Auch wenn ein Mensch sich einreibt mit Kokosöl, dass er glänzt, sind diese Wortformen im Spiel."
Für Spiegelungen und Schatten wird dasselbe Wort gebraucht wie für das geistartige Doppel. Einen Europäer muss das erstaunen: Etwas Immaterielles wird genauso benannt wie ein messbares physikalisches Phänomen! Es ist, als wenn wir unsere Seele als "unseren Spiegel" bezeichneten.
Deutschlandradio: Wie James Cook und die Südsee

7.9.2009
Essensliste bei Flann O'Brien
Sie begaben sich schnell in ein kleines Zimmer neben Miss Lamonts Schlafzimmer, in dem die gute Dame gerade in die Wochen kam, und stapelten die farbenprächtige Fülle ihrer schönen Gaben und Geschenke geschickt entlang den tapezierten Wänden auf - ihre goldenen Garben gereifter Gerste, Fässchen fetten Käses, Beeren und Eicheln und purpurne Yamswurzeln, Melonen und Markkürbis und milde Mast, viel löchrige Schwämme knusperrandigen Honigs und Haferbrote, irdene Krüge mit molkendickem Sekt, und Porzellanpokale mit schäumendem Schankbier, Sauerampfer und Mürbegebäck und grobkörnige Kuchen, Gurken, kalt, und daunenweiche, strohgefütterte Wiegen voll mit Holunderwein, der in meergrüne Eierbecher abgefüllt war und urnenförmige Fässer voll Melasse, zermatscht und zermengt mit dem reichen braunschweren Schaum breiiger, honigsüßer, brasierter Pilze. Ein reicher Ertrag der fruchtbaren Erde, bei Gott!
Flann O'Brien: Auf Schwimmen zwei Vögel, Kap. "Weiterer Bericht über die Reise des Pooka und Seiner Gefährten".

7.9.2009
Essensliste bei François Rabelais
Auf diese Wort fing man das Nachtessen an zu rüsten, und briet zum Ueberschuß sechzehn Ochsen, drey Stärken, zweyunddreyssig Kälber, dreyundsechzig säugende Geißlein, fünfundneunzig Hammel, dreyhundert Milchferken im feinen Most, zweyhundert zwanzig Rebhühnel, siebenhundert Schnepfen, vierhundert Kapphähn von Loudun und von Cornouaille, sechstausend Küchlein und eben so viel Tauben, sechshundert Poularden, vierzehnhundert Häslein, dreyhundert drey Trappen und siebzehnhundert Schrothennen. Von Wildpret konnt man so bald nichts haben als eilf Keuler, die der Abt von Turpenay schickt', und achtzehn Stück Rothwild, welche der Herr von Grandmont herschoß, nebst hundert zwanzig Fasanen, die der Herr von Essars schickt' und etlichen Dutzend Ringeltauben, Wasservögeln, Krichenten, Rohrdommel, Regenpfeifer, Fluder, Frankolin, Böllhinen, Antvögel, Kibitzen, Flornen, Löffelgans, Möven, Reigel, Rohrhähn, Sichler, Störch, Grieltrappen, Oranen, Flambart (ist Phönikopterus), Scholucher, Kalekutische Hennen, vollauf Kuskusu und Suppen die Hüll und Füll. Es hätt nicht Noth: zu leben gab es da überflüssig, und ward anständig zugericht durch Brühschleck, Quirlwein und Potporuri, Grandgoschiers Mundköch. Jonas, Michel und Spühlglas löschten den Durst aufs best.
François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. Erstes Buch, Kap. 37.

7.9.2009
Wischmittel zum Arschwischen
Der kleine Gargantua erzählt, wie er auf dem Gebiet des Arschwischens nach verschiedenen Versuchen die beste Methode herausgefunden habe. Als Wischmittel dienen: Das sämtene Gesichtslärvchen einer Dame, ein Halstuch, ein Paar kaminrot seidner Ohrklappen, eine Frauenhaube, eine Märkatze (die ihm mit den Krallen das Hinterteil wund und blutig kratzt), die nach Benzoe duftenden Handschuhe seiner Mutter, sodann Salbei, Dill, Majoran, Kohlblätter, Salat, Lattich, Spinat, Rosen, Brennnesseln, Decken, Vorhänge, Servietten, Heu, Stroh, Wolle, ein Kissen, Pantoffeln, ein Ranzen, ein Korb, ein Hut. Als das vortrefflichste Wischmittel erwies sich ein zartfläumiges Gänslein:
Denn ihr verspürt dabei am Arschloch ein so wundersames Wollustgefühl, sowohl der weichen Flaumfedern wegen als auch wegen der temeprierten Wärme des Gänsleins, die sich ihne weiteres dem Mastdarm und den anderen Eingeweiden mitteilt und dann sogar in die Gegend des Herzens und ins Gehirn aufsteigt.
Und unter Berufung auf die "Ansicht des Magisters Johann Scotus" stellt Gargantua die Behauptung auf, die Seligkeit der Heroen und Halbgötter in Eleusis gerade darin liege, dass sie sich den Hintern mit einem Gänschen wischen. François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. Zitiert nach Michail Bachtin, Chronotopos, S. 119.

7.9.2009
Die Geburt Gargantuas
Nach dem die Mutter von Gargantua zu viele Kutteln gegessen hatte und infolge des starken Durchfalls der Mastdarm herausgefallen war, begann die Geburt:
Zufolge dieses mißlichen Umstandes wurden oberhalb die Kotyledonen der Gebärmutter gelockert, durch welche das Kind aufwärts hüpfte und in die Hohlader eindrang, dann durch das Zwerchfell bis über die Achseln hinaufschlüpfte (wo die genannte Ader sich zweiteilt), hierauf links hinüberschwenkte und zuletzt durch das linke Ohr herauskam.
François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. Zitiert nach Michail Bachtin, Chronotopos, S. 101.

7.9.2009
Mangel an Wartung
Kaum war er hereingekommen, zog er den Bratspieß, an dem ich stak, heraus und stach damit meinen Bratenwender mausetot, so daß er auf der Stelle starb, sei's mangels Wartung, sei's aus anderen Gründen
François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. Zitiert nach Michail Bachtin, Chronotopos, S. 102.

7.9.2009
Rollschuhlaufmager
Sie ist mager, so wie ich, aber nicht häßlich mager. Rollschuhlaufmager, das ist sie. Ich habe ihr einmal vom Fenster aus nachgesehen, als sie über die Fifth Avenue zum Park ging, und da wußte ich plötzlich: Sie ist rollschuhlaufmager. Jeder müßte sie gern haben. Wenn man ihr etwas erzählt, weiß sie genau, von was man redet. Man kann sie überallhin mitnehmen. Wenn man zum Beispiel mit ihr in einen schlechten Film geht, weiß sie, daß es ein schlechter Film ist. Wenn man mit ihr in einen guten Film geht, weiß sie, daß es ein guter Film ist.
J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen, S. 78-79.

1.9.2009
Noch eine kleine Randnotiz
Zudem ist die Genesis der Eselsmetamorphose an sich sehr komplexer Art.
Michail Bachtin, Chronotopos, S. 40

1.9.2009
Identitätskrise der Dinge
Interessant: Nach Bachtin gibt es nicht nur beim Menschen eine Identitätskrise, ausgelöst durch große gesellschaftliche Umbrüche wie z.B. die Industrialisierung. Sondern auch bei den Dingen, wie z.B. Sonne, Sterne, Erde, Meer. Diese seien dem Menschen in der "ackerbautreibenden Vorklassegesellschaft" ausschließlich im kollektiven Prozeß der Arbeit begegnet und nur in diesem Kontext wurden sie erkannt und begriffen. Bereits in den nachfolgenden Epochen sei es zum Zerfall von der festen Bindung dieser Gegensände an bestimmte Ereignisse des zeitlichen Zyklus gekommen. Dadurch wurde es erst möglich, Landschaft oder Natur im Roman lediglich als Kulisse, als Hintergrund zu verwenden.
Michail Bachtin, Chronotopos, S. 40

1.9.2009
Das bisschen Dortgewesensein
Und, Ingeborg, das bisschen Dortgewesensein...Die soundsoviel Stunden Südesee und Elefanten... Soll Dir nicht lieber Eric einen Elefanten zeichnen, der, wenn Du Glück hast, eine grosse Ähnlichkeit mit einer Feldmaus hat?
Paul Celan an Ingeborg Bachmann. Aus: Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel, S. 120.

1.9.2009
In der Luft
(...) seit ein paar Tagen große Wärme und Irrsinn in der Luft. Ich bin niedergeschlagen, aber nur deswegen.
Ingeborg Bachmann an Paul Celan. Aus: Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel, S. 87.

1.9.2009
Staunen über das Dasein
(...) als ich um vier Uhr morgens hellwach war, vergewisserte ich mich, daß Lo noch fest schlief (Mund offen, in einer Art von dumpfen Staunen über das merkwürdig inhaltslose Dasein, das wir alle für sie hergerichtet hatten) (...)

Valdimir Nabokov: Lolita, S. 350

1.9.2009
Urplötzlich in einer stürmischen Nacht
Lamartine schrieb einmal, ich weiß nicht mehr, über welches seiner Gedichte, es sei ihm spontan eingefallen, urplötzlich in einer stürmischen Nacht im Walde. Als er gestorben war, fand man seine Manuskripte mit zahlreichen Korrekture und Varianten, und besagtes Gedicht erwies sich als das vielleicht am meisten "bearbeitete" der gesamten französischen Literatur.
Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose, S. 18.

1.9.2009
Chuang Chou und der Schmetterling
Eines Tages träumte ich, Chuang Chou, ein Schmetterling zu sein, ein Schmetterling, der herumflog, und ich fühlte mich glücklich; ich wußte nicht, daß ich Chou war. Plötzlich erwachte ich und war ich selbst, der wirklich Chou. Und ich wußte nicht, war ich nun Chou, der träumte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der träumte, er sei "Chou."
Chuang-tzu, zitiert nach Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Band II, S. 35.

1.9.2009
Die Wolken sind sein Gespann
Der vollkommene Mensch ist reiner Geist. Er fühlt weder die Hitze des brennenden Strauchs noch die Kälte der über die Ufer getretenen Wasser; der Blitz, der die Berge verbrennt, und der Sturm, der den Ozean sich aufbäumen läßt, erschrecken ihn nicht. Die Wolken sind sein Gespann, Sonne und Mond sind seine Pferde. Er streift oberhalb der vier Meere herum; die Wechsel des Lebens und der Tod betreffen ihn nicht, weniger noch die Begriffe des Guten und des Bösen.
Chuang-tzu, zitiert nach Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Band II, S. 35.

1.9.2009
Philistervorhäute
Interessant: Für hundert Philistervorhäute konnte man sich im alten Israel zur Zeit Davids eine Frau kaufen.
2 Samuel 3,14
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[17.08.2009] 
Keine Meldungen
Ich bin immer noch unterwegs in Frankreich. Es gibt jedoch keine Meldungen, es ist mühsam hier in Frankreich Internet zu finden, außerdem habe ich eine Art Schreibhemmung in dem Sinne, als ich mir viel zu viel vorgenommen habe (zu lesen, zu arbeiten, zu lernen, zu analysieren) und jede Minute, die ich für mein Weblog schreibe, mir irgendwie verloren vorkommt. Unsinnig, aber so sind sie, die Schreibhemmungen. Im September dann vielleicht wieder mehr (ein paar Sachen lagern in Notizheften). Grüße aus einem großen Wald irgendwo in der Normandie, wo es verdammt viele Heidelbeeren gibt.
|ö| = KerLeone  [Kommentare: 2]
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Mit einer Erfindung vom Mai 1941 hat Konrad Zuse gezeigt, dass ein Rechner aus einer Ansammlung von Transistoren bestehen kann. Diese Webseite wird auf ihrem Bildschirm so angezeigt, weil einige Transistoren in Ihrem Rechner eine bestimmte Stellung einnehmen. Wenn Sie mit dem, was Sie gerade auf Ihrem Bildschirm erkennen, ein Problem haben, wenden Sie sich an die Transistoren in Ihrem Rechner. Falls Ihnen die Kontrolle über die Tranistoren in Ihrem Rechner entglitten ist und Sie mit den Darstellungen auf Ihrem Bildschirm unzufrieden sind, empfehle ich Ihnen, den Rechner auszuschalten. Ich dagegen sehe mich außerstande, Verantwortung für Transistorenstellungen in Ihrem Rechner zu übernehmen (ich kenne Sie ja gar nicht).