Mosaikum 1.0
Von KerLeone


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[27.09.2005] 
Kapitän Cook und das marokkanische Militär
Als Kapitän Cook vor vielen Jahren Hawaii besuchte, gab es eine Art doppeltes Missverständnis: Die Eingeborenen hielten Cook für einen Gott, der für kurze Zeit wiedergekehrt war und beschenkten ihn reich. Cook hielt die Hawaiianer für unglaublich gastfreundlich. Als Cook aber nicht verschwand und sich obendrein recht ungöttlich verhielt, da klärte sich das Missverständnis: Die Hawaiianer ermordeten Cook und der hielt sie spätestens dann auch nicht mehr für gastfreundlich.
Als ich mit meinem militärgrünen Laster nach Marokko eingereist bin, gab es eine Zeit lang auch eine Art doppeltes Missverständnis: Sehr viele Menschen auf der Straße hielten mich für marokkanisches Militär, das hier sehr beliebt ist, und winkten mir zu. Ich hielt die Leute für besonders gastfreundlich und winkte zurück. Auch dieses Missverständnis hat sich irgendwann geklärt, als nämlich ein Militärposten von weitem glaubte, einen Kameraden zu sichten und mich stoppte. Noch bevor ich angehalten hatte, erkannte er aber das ausländische Kennzeichen und die diversen Aufkleber und winkte mich weiter. Aus Dankbarkeit darüber, dass sie mich nicht umgebracht haben, winke ich immer noch zurück, obwohl ich jetzt weiß, dass sie mich für marokkanisches Militär halten.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 3]

[27.09.2005] 
1*2*3*4
Man glaubt gar nicht, wieviele Möglichkeiten es gibt, eine runde Gaskartusche, zwei runde Töpfe und einen dreibeinigen Kocher in einer viereckigen Kiste unterzubringen.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 1]

[27.09.2005] 
Nachts auf der Landstraße
Als Kind habe ich meine schwimmerischen Fähigkeiten irgendwann einmal damit bewiesen, dass ich das Seepferdchen gemacht habe. Ich glaube, dafür musste man 25 Meter Schwimmen und einen Gummiring vom Grund holen. Einige Jahre später hatte ich meine Schimmfähigkeiten ausgebaut: Ich bekam das bronzene Schwimmabzeichen für 50 Meter schwimmen, ein paar Meter tauchend schwimmen und mehrere Gummiringe. Bevor ich das silberne oder goldene Schwimmabzeichen machen konnte, habe ich den Führerschein gemacht. Der Führerschein berechtigt zum Autofahren, aber außer dem ADAC-Fahrertraining gibt es eigentlich keine Auszeichnung, die man für besondere Herausforderungen im Straßenverkehr bekommen kann. Inoffiziell kann man aber behaupten, dass die Umfahrung des Pariser Triumphbogens oder die Durchquerung von Rom ohne Kompass (mit einstündigem Parken) durchaus eine Art bronzenes und silbernes Schwimmabzeichen für Autofahrer ist. Gestern habe ich das goldene Schwimmabzeichen für Autofahrer bekommen. Ich bin eine Stunde eine afrikanische Landstraße bei Nacht gefahren. Ich fahre seit 12 Jahren Auto, aber ein derartiges, massenhaftes Selbstmordverhalten wie hier habe ich noch nie erlebt, das stellt alle Allee-Raser Mecklenburg-Vorpommerns in den Schatten. Normalerweise fahre ich sehr ruhig und gemäßigt, allein, weil mein Auto nur 70km/h fährt. Aus diesem lässigen Fahrstill wurde ich gestern abend jäh geweckt, als auf einmal neben einem entgegenkommenden Reisebus ein Mofa auftauchte und zwischen mir und dem Bus Platz suchte und glücklicherweise auch fand. Umso dunkler es wurde, umso mehr Mofas kamen mir entgegen, die Hälfte davon unbeleuchtet. Und wieviel Leute da nachts am Straßenrand entlanglaufen! ("Ja-und-er?"-Phänomen). Manche auch direkt auf der Straße. Es war ein Strom größtenteils Jugendlicher, die anscheinend zur Abendunterhaltung in die mittelgroße Stadt El Jadida unterwegs waren. Wenn ich hier davon erzähle, dann stellt man sich das vielleicht so vor: Na gut, da kommt nun eben ein unbeleuchtetes Mofa entgegen. Aber wahrnehmungstechnisch ist das bei mir ja umgekehrt abgelaufen, ich dachte mir: Hier kommt anscheinend nichts entgegen, also auch kein Mofa. Aber dann ist da ein Huschen im linken Scheinwerferkegel und ein kurzes Knattern und erst später weiß mein Gehirn: Ah, da ist mir also gerade ein Mofa entgegengekommen. Mir ging es also auch nicht anders als dem Leser dieses Weblogs. Mir wurde alles erst nachher klar: Da ging gerade jemand auf der Straße. Da bog gerade jemand kurz vor mir ein. Es ist unangenehm, wenn man beim Fahren immer erst später bemerkt, dass man in jemanden nicht hineingefahren ist. Vergangenheit ist eine sehr unnütze Zeitform im Straßenverkehr. Nichts wäre unpassender an dieser Stelle, wenn sich manche jetzt denken: Ja gut, die Afrikaner beherrschen eben das Chaos. Die können eben mit unbeleuchteten Menschen und Eselskarren am Straßenrand umgehen. Sie können es nicht. Sie versuchen, die Leute bereits von weitem mit dem Fernlicht zu erkennen. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, unbeleuchtete Mofas und Personen auf der Straße zu erkennen, wenn der Gegenverkehr Fernlicht angeschaltet hat. Ein zweiter Hinweis, dass sie es nicht können, war die Polizei die irgendwo eine Straßensperre eingerichtet hatte. Ich hoffe, sie haben nach unbeleuchteten Mofas gefahndet. Mich haben sie nicht kontrolliert. Allerdings weiß ich auch nicht, ob sie mich kontrollieren wollten. Ich sah nur plötzlich einen Mann mit einer reflektierenden Weste, der eine Taschenlampe wedelte, vor mir in der Dunkelheit auftauchen. Ich konnte zwar noch langsamer fahren, aber bevor ich irgendwelche Zeichen zum stehenbleiben erkennen konnte, war ich auch schon wieder am Polizisten vorbei. Ah, das war also eine Polizeikontrolle. Es ist zwar bewundernswert tapfer, dass dieser Polizist sein Überleben an das Leuchten einer Reflektorweste und 2mm Wolframdraht knüpft, nur um für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Aber irgendwie war ich schon enttäuscht, dass selbst die Straßensperren der Polizei nur im Perfekt wahrnehmbar waren. Der deutlichste Hinweis, dass die Marokkaner die Dunkelheit nicht beherrschen, war aber dann das rote Fahrrad auf der Straße, ein paar Uniformierte und der Pulk von zwanzig Menschen um ein Fahrzeug herum. Ah, das war also ein Unfall. Ich bin sobald wie möglich irgendeinen Feldweg rein, um diesem Trip durch die marokkanische Nacht zu entkommen. Als ich am Morgen aufwachte und oben an der Straße ein paar Mofas entlangknatterten, da dachte ich mir wirklich: Ah, jetzt fahren die, die überlebt haben, wieder zurück in die Dörfer.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 4]

[27.09.2005] 
Ja und er?
Die klassische Frage die sich der Afrikareisende mehrmals in der Minute stellt, natürlich längst nicht mehr laut, sondern die er im Kopf denkt, ist: "Was macht er jetzt eigentlich da?" Varianten dieser Frage sind "Wo will der jetzt eigentlich hin?" und "Wo kommt der jetzt eigentlich her?" Ausgelöst wird diese Frage durch eine für den Europäer unvorstellbare Belebtheit von Äckern, Fluren, Kreuzungen und natürlich dem ganzen Straßenrand. Wohin man schaut, stehen Menschen im Wald, sitzen neben Steinen auf Steinen, warten auf Äckern und am Straßenrand und manche liegen sogar im Straßengraben und lassen so die bange Frage auftauchen, ob sie dort schlafen oder verletzt sind oder so tun, als wären sie verletzt.
Es gibt keinen Ort in Marokko, wo niemand sitzt, steht oder liegt. 40 Millionen Marokkaner sitzen, stehen oder liegen 24 Stunden am Tag. Man könnte sagen, das tun auch 80 Millionen Deutsche, aber ich habe den Eindruck, die Marokkaner haben sich besser abgesprochen, um annähernd die mathematische Normalverteilung zu erreichen.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 4]

[22.09.2005] 
Abmachung
Zur Vereinfachung der Kommunikation zwischen mir und meinen Lesern schlage ich vor, dass ich niemals von Kindern berichten werde, die mein Auto mit Steinen, Erdbrocken oder anderen Gegenständen bewerfen, sondern nur dann, wenn dies an einem Tag nicht geschieht.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 5]

[22.09.2005] 
Foxtrott nach Afrika
Die Grenze von Spanien nach Marokko übertritt man nicht einfach so profan wie die Landesgrenzen in der europäischen Union, oder auch wie Grenzübertritte in Nicht-Schengen-Ländern. Der Übergang nach Marokko muss verstanden werden wie ein feierliche Tanz, ein Abschlusssball, auf den man sich säuberlichst vorbereiten muss. Man muss die Situation ernst nehmen, man darf aber nicht zulassen, dass man Panik bekommt. Das schwierige wie beim ersten Ball ist, dass man nicht weiß, was einen erwartet und trotzdem muss man gut vorbereitet sein.
Blöd ist, wenn man auf solche Veranstaltungen einen komplizierten Partner mitnimmt. Bei meinem ersten Ball hatte ich Glück: Meine Partnerin, ein durchaus interessantes Mädchen, allerdings mit großem Desinteresse an Tanzschulenkonversation, war wie ich als einzige ohne Partner geblieben, und so gab es beiderseits keine Ambitionen, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Bei meinem Grenzübertritt hatte ich dagegen einen militärgrünen LKW dabei. Das ist ungefähr so, wie wenn man auf dem Ball ein so unmögliches Mädchen dabei hat, dass man nicht einmal weiß, ob man überhaupt in den Ballsaal eingelassen wird. Man kann überall nachlesen, dass ehemalige Militärfahrzeuge in vielen Fällen nicht eingelassen werden, vor allem in Originallackierung.
Ich habe mein bestes Hemd herausgesucht, eine ordentliche Jeans, einen Gürtel angelegt, mich rasiert und aus einer sehr selten verwendeten Mimikschubalde ein unterwürfiges Lächeln hervorgezogen. Mein Laster wurde aufgeräumt, gefegt und zu Demilitarisierung alle blechernen Fensterklappen abgenommen.
Dann kam die Grenze. Ich nehme jetzt das Ergebnis vorweg: Mir und meinem Partner wurde die Einreise genehmigt und wir erholen uns gerade vom wilden Tanz, irgendwo im Rinnstein vor dem Ballhaus, froh das Rite de Passage hinter uns zu haben. Wie genau es geglückt ist, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an viele Menschen mit blauen Hemden, die Hälfte davon übrigens durchaus keine Grenzbeamten, sondern willige Helferlein, die für ein paar Euro die Formalitäten erledigen wollen. Man unterscheidet beide übrigens am besten am Geruch. Grenzbeamten kommen nämlich nicht mit dem Esel zur Arbeit.
Ich erinnere mich an Fliegen in einem Büro, in dem auf einem nicht mehr ganz farbechten Fernseher Zeichentrickdinosaurier arabisch redeten, während ein müder Mann alles, was für eine Autoversicherung wichtig ist, mit einer Schreibmaschine auf Papier nagelte. An Pfefferminzblätter in einem Teeglas und Bilder von Hassan II oder Mohammed VI, keine Ahnung, oder beiden, die dem für kulturelle Änderung sensibilisiertem Ethnologen sofort mitteilen, dass man in einer anderen Kultur sich befindet. Ich erinnere mich an den Mann von der Autopapier-Stempelstelle, der den Mann von der Zollstempel-Stelle zu meinem Auto befragte, ich erinnere mich an den Mann von der Zollstempel-Stelle, der mich behutsam am Arm packte und freundschaftlich zum Kontainerbüro am Rande führte, wo er auf arabisch etwas so Sanftes und Vorsichtiges ins Innere hauchte, ohne die Schwelle zu übertreten, so dass jedem sofort klar war, dass hier der Chefs aller Chefs sitzt, und ich erinnere mich, dass plötzlich alle blauen und grünen Hemden, die nicht nach Esel rochen, in einer Gruppe an meinem Auto standen und auf arabisch die Militärhaftigkeit von meinem Auto klärten. "Dibujos" war dann das Zauberwort, dass ich in die Runde gab, spanisch für "Bilder" oder "Aufkleber". Irgendwann Nicken beim Chef, dann wurden Zuständigkeiten, Stempelnotwendigkeiten und Deklarationsfragen debattiert. Ein paar bunte Surfaufkleber haben zum erstenmal einen handfesten Sinn erfüllt. Und jetzt bin ich in Marokko, Afrika. Ohne zu wissen wie genau ich die Sache hinter mich gebracht habe.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 0]

[22.09.2005] 
Hello Africa
Verschleierte Frauen, die sich in der spanischen Enklave Ceuta flaschenweise mit harten Alkohol und Salami eindeckten, waren so die ersten Eindrücke von Afrika.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 0]

[19.09.2005] 
The Great Escape
Immer wenn ich in Tarifa bin, ganz unten am Ende von Spanien, an der Meerenge von Gibraltar, einige Seemeilen von Afrika entfernt, entwirft meine Phantasie mehrere Stunden Filmmaterials afrikanischer Flüchtlingsdramen, für die sich jeder Erstsemstler des Münchner Instituts für Afrikanistik zu Recht zu schämen hätte.
Variante 1: Ein fieser Typ, Schleuser und Drogenhändler, fährt mit einem Holzkahn zwischen den Suchscheinwerfern der Hubschrauber hindurch. Das Boot ist voll mit Haschischpaketen, dazwischen sitzen junge Männer in Khaki-Hemden und halten sich an den Tauen fest. Die Maschinensalven aus dem Helikopter der Guardia Civil spritzen mondweiß neben dem Schnellboot auf. Am nächsten Morgen schiebt das Meer ein zersplittertes Holzwrack zwischen das braune Seegras am Strand von Tarifa.
Variante 2: Eine selbstgebasteltes Floß aus Paletten und Autoreifen treibt herrenlos durch die Straße von Gibraltar. An Bord herrscht regungslose Stille. Ein graubärtiger Afrikaner blickt ernst Richtung Spanien, seine Hand hält fest am Ruder. Vier Frauen sitzen in bunten Kleidern am Boden und halten ihre schlafenden Kinder im Arm. Vier junge Nigerianer mit hellblauen Hemden und dunkelblauen Leinenhosen rudern kräftig mit Holzpaddeln.
Variante 3: Ein junger Afrikaner, der aussieht wie Steve McQueen, landet mit nassem Hemd und Jeans in den Sanddünen. Er klettert die steile Böschung zur Uferstraße N340 hinauf und versteckt sich bei einem Bauern in der Scheune. Kurz darauf kommt wie verabredet ein alter LKW und nimmt den Flüchtling mit zur nächsten Relaisstation in Algeciras. Von dort flüchtet er in einem Motorrad mit Beisitz über die hügelige Steppe der kastillianischen Hochebene.
Variante 4: Eine Gruppe afrikanischer Frauen und Männer flüchtet durch den Wald vom Cabo de Trafalgar, nachdem das vorläufige Quartier in einer Bunkeranlage aus dem zweiten Weltkrieg von der Guardia Civil entdeckt wurde. Schreie und Rufe, das Licht von Taschenlampen der Polizisten und Hunde durchlaufen die Baumreihen. Tüten mit Kleidung und ein Gummistiefel bleiben am Boden liegen. Die Hälfte der Gruppe entkommt.
Was mein Hirn da leistet, ist die beschämende Verknüpfung aller visuellen Fluchtvorstellungen, die Hollywood in den letzten 20 Jahren in mir angehäufelt hat, mit den dürftigen Informationen, die ich von den realen Fluchtversuchen habe. Bei meinem jetzigen Tarifabesuch habe ich eine Kollegin aus meinem Institut getroffen, die für ihre Doktorarbeit hier vor Ort einiges recherchiert hat. Sie hat mir einige neue Fakten erzählt. Danach setzen pro Jahr über 2000 Afrikaner von Marokko aus illegal nach Spanien über. Sie kommen aus ganz Afrika, reisen mühsam Richtung Marokko, in Nordafrika bereits illegal, warten dann in Marokko auf günstige Wetterbedingungen und setzen irgendwann mit Schnellbooten über. Teilweise werden auf diesen Booten auch Drogen transportiert. Männer arbeiten nach geglückter Flucht illegal, Frauen setzen oft auf die Möglichkeit, durch Schwangerschaft eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Viele erwartet aber die Abarbeitung eines Schuldenbergs, der durch die Kosten der Flucht entstanden ist (bis zu 30.000 Euro). Nicht selten geschieht dies z.B. durch Prostitution in Italien. In manchen Fällen endet die Überfahrt tödlich, sehr oft greift die Polizei die Flüchtlinge auf, bringt sie in Flüchtlingszentren in Tarifa oder Algeciras, von wo aus sie innerhalb weniger Tage nach Marokko zurückgebracht werden. Viele starten bald den nächsten Versuch, da die Bezahlung für eine Flucht oft drei Versuche einschließt.
Aber noch am selben Abend, als ich wieder bei Kerzenschein am Meer saß und gegenüber die Lichter von Tanger leuchteten, als ein paar langsame Tanker durch das dunkle Wasser schnitten und Helikopter mit Suchscheinwerfern über dem Wasser auftauchten, beginnt mein Gehirn seinen ganz eigenen, unauthorisierten Dreh und wandelt die soliden Informationen zu Klischeebildern wie den obigen um. Aus reinem Mangel an realen visuellen Informationen bedient es sich bei Hollywood, und plötzlich taucht da Steve McQueen aus The Great Escape auf, oder der gute graubärtige Afrikaner aus irgendeinem 60er-Jahre Kolonialdrama. Oder eben Schnellboote aus James Bond, verfolgt von Helikoptern mit Maschinensalven.
Man könnte sagen, ich bin in einem visuellen Diskurs gefangen.
|ö| = KerLeone   [Kommentare: 0]

[9.09.2005]
Über Kreativität und einen blau-roten Holzspeer
Vor einiger Zeit habe ich bei mir im Garten die Himbeer-Pflanzen, die im nächsten Jahr Früchte tragen sollen, hochgebunden. Dabei habe ich am Boden liegend einen alten Holzstock gesehen, an dem bis vor ein paar Jahren die Pflanzen hochgewachsen sind, der aber vor einiger Zeit umgefallen ist und von Unkraut überwuchert wurde. Dieser Stock war mir sehr bekannt. Ein Schulfreund und Nachbarsjunge hat ihn mir im Alter von sieben oder acht Jahren zum Geburtstag geschenkt. Es war ein mit Wasserfarben blau-rot angemalter Holzstock. Ich denke, es sollte ein Speer sein. Ich habe ihn nie als Speer benutzt, vielmehr war er mir lange ein nützliches Werkzeug, um Gegenstände, die unter den Schrank gerollt waren, wieder hervorzuholen.
Stanislaus hieß der Nachbarsjunge, und er hat später Kunst studiert und macht heute Rauminstallationen. Stanislaus war immer das, was man einen kreativen Menschen nennen kann. Vor ein paar Tagen ist mir allerdings aufgefallen, dass ich lange Zeit eine falsche Vorstellung von "kreativ" gehabt habe, ganz intuitiv falsch. Kreativ war für mich immer jemand, der plötzlich auf die Idee kommt, einen Holzstock blau-rot anzumalen und jemandem zu schenken. Kreativität war immer etwas überraschendes, eigenwilliges, ungewöhnliches. Das ist aber falsch, denn es ist nur die Außenperspektive.
Wie bereits erwähnt, wollte mir Stanislaus vermutlich einen Speer schenken, nicht unbedingt einen klassischen Speer, sondern einen Phantasiespeer, einen Zauberspeer oder einen Spaßspeer. Die Innenperspektive war vermutlich keineswegs am Ungewöhnklichen oder Eigenwilligen orientiert. Er hat am Holzstock so lange geschnitzt, bis er seiner Vorstellung von der Form eines Speers entsprach und dann hat er ihn angemalt, bis er seiner Vorstellung von der Farbe eines Speers entsprach. Kreativität heißt dabei nicht, dass man planlos arbeitet, aber es heißt genausowenig, dass man nach einem Plan arbeitet. Kreativ arbeiten heißt, dass Plan und Ziel sich ständig gegenseitig beeinflussen. Das heißt, dass man sich im Plan wie im Ziel keine Dogmatik erlauben darf, aber genauswenig darf man alles dem Zufall überlassen.
Wenn etwas Kreatives erfolgreich sein soll, dann muss dieser kreisende Prozess von Plan und Ziel vom Adressaten wiederholt werden. Das Werk muss Raum lassen für einen Denk- oder Handlungsprozess, muss praktische, ästethische oder emotionale Ziele erfüllen. Auch hier wird es nur als kreativ verstanden, wenn es dem Rezipienten einen Prozess ermöglicht. Ein Speer, der aussieht wie die Idee eines Speers, wird nie als kreatives Werk verstanden und auch nicht als Kunst, weil es uns nicht zu diesem Prozess einlädt. Deshalb nehmen wir etwas Kreatives als etwas Überraschendes, Eigenwilliges oder Ungewöhnliches wahr, weil wir nun an der Reihe sind, dem Werk zu folgen, wo es uns hinführt, aber gleichzeitig bestimmen, wo es uns hinführen soll. Das faszinierende an Kreativität ist, dass dies nicht derselbe Prozess sein muss. Der Phantasiespeer von meinem Freund Stanislaus wurde also von mir als ästethisch ansprechendes Werkzeug zum Hervorholen von Gegenständen unter dem Schrank verwendet und auch später gab es die attraktivste Holzstange ab, an der sich im Garten Himbeerpflanzen festhalten. Mit einem Buch oder einem Bild ist das kein anderer Prozess. Der Unterschied ist, dass der doppelseitige, kreative Prozess beim Holzspeer zwischen meinem Freund Stanislaus und mir funktionieren musste. Wer wirklich erfolgreiche Bilder oder Texte oder allgemein Werke schaffen will, der muss diesen Prozess einer großen Menge der Gesellschaft ermöglichen. Das Werk muss vertraut genug sein, um einen Plan zu geben und doch fremd genug, um jeden woanders hinzuführen. Kreativ ist damit weder allein der Künstler, noch das Werk, noch der Rezipient, sondern alle zusammen.
|ö| = KerLeone [Kommentare: 6]

[6.09.2005]
Tüten
Frankreich gehört ab sofort nicht mehr zum mediterranen Europa. Man bekommt nämlich im Supermarkt nicht mehr Berge von Tüten kostenlos aufgedrängt.
|ö| = KerLeone [Kommentare: 4]

[6.09.2005]
Herr Schmied und das Matterhorn
Zu einem alten Brauch auf meinen Lesereisen gehört, dass bei Abfahrt das Auto oder ich selbst, oder beides, erkrankt. Diesmal war es so, dass ich in Bregenz mit leichtem Fieber und Schnupfen meinem Laster die Lichtmaschine auswechseln musste. Die Folge war eine Zwangspause in der Schweiz, die ich normalerweise an einem Tag durchfahre.
Ich stand also auf dem Kiesplatz neben einer kleinen Kapelle am Rande des hügeligen Weilers Hägglingen, trank viel Tee und hörte dem Traktor eines modernen Geißenpeters beim Wenden des frischen Heus zu und der Armee beim Feuergefecht auf dem gegenüberliegenden Berghang. So ein Urlaubstag dauert seine Zeit, aber er geht vorrüber. Als das Heu eingefahren, der Traktor verstummt und die Rekruten wieder in der Kaserne waren, kam Herr Schmied. "Gruezi", rief er ins Wohnmobil. Herr Schmied war so ein Mann, von dem man immer schwören würde, dass er einen Schnauzbart hat, weil er insgesamt so aussieht, als würde er einen haben. Herr Schmied hatte also keinen Schnauzbart, aber sah so aus, als hätte er einen. Er hatte eine silbernen Krone in der Mitte der Vorderzähne und eine Baseballkappe auf. "Wenn sie hier übernachten wollen, können sie gerne da auf meiner Wiese parken", bot er mir an. "Falls es hier Probleme gibt." Sekunden später lief ich dem Herrn Schmied bereits barfuss über die frischgemähte Wiese hinterher und bekam zahlreiche Optionen, wo man parken könnte, wo eine Feuerstelle wäre und welches Holz man verwenden könnte und Wasser könnte er mir auch noch bringen. Ich staunte über so viel Gastfreundschaft und bedankte mich mehrmals. Dann kamen wir ins Gespräch über das Reisen, aber ich brach schnell ab, weil ich mich nicht sehr gesund fühlte. Später auf der Fahrt habe ich mir überlegt, dass ich gerne mit dem Herrn Schmied über das Aussehen oder den Charakter von Bergen geredet hätte, weil ein weitgereister Schweizer sicher einiges dazu zu sagen hätte. Der Herr Schmied war so einer, bei dem ich nicht abschätzen konnte, wie mit ihm ein Gespräch über das Aussehen und den Charakter von Bergen verlaufen würde. Es könnte sein, dass Herr Schmied nur sehr oberflächliche Ideen vorbringen könnte, weil das Gespräch mit ihm sehr eindimensional verlaufen ist. Als ich sagte, dass ich nach Marokko fahren will, da erzählte er, dass er einmal in Neuseeland war. Es könnte also sein, dass ich sage: "Das Matterhorn ist natürlich der schönste Berg von allen." Und Herr Schmied würde beipflichten und sagen: "Der Mount Everest ist dagegen eher so ein Rekordberg." Aber vielleicht wäre ein längeres Gespräch über das Reisen auch weiter gegangen, als bis zum dem Punkt, dass Herr Schmied in Neuseeland Klimaanlagen gebaut hat und ebenso hätte eine Gespräch über das Aussehen und den Charakter von Bergen so interessant werden können, wie ich mir das eben später gewünscht hätte, als ich über ein Gespräch mit dem Herrn Schmied über Berge nachdachte.
Als der Herr Schmied noch keine Minute weggefahren war, da kam ein altes Ehepaar von der Gemeinde und fegte den Platz vor der Kapelle. Der Mann, ein großer Mann mit roten Backen, grüßte mich und bleib dann ein paar Sekunden weiter schauend vor dem Auto stehen. Er wollte etwas, aber traute sich nicht zu fragen. Ich trat heraus und streckte ihm meine Hand entgegen. Wenn man einem Bauern die Hand schüttelt merkt man das sofort, die schweren, kräftigen Hände haben immer eine Wachsschicht, die von der Arbeit mit den Kühen kommt. Meine Hand roch nun nach diesem Kuhfett, ein Geruch den ich sehr gern habe. Der Bauer und seine Frau fragten dann zögerlich, wie lange ich dort parken will und wiesen darauf hin, dass dies der Parkplatz der Kapelle sei. Ich machte ihnen klar, dass ich gleich am nächsten Morgen weiterfahre, worauf sie beruhigt ihre Arbeit wieder aufnahmen, nicht ohne mir vorher auch noch Wasser für mein Wohnmobil anzubieten.
Zuerst habe ich mich etwas geärgert, weil ich es nicht mag, dass Leute immer auf ihr Recht und ihren Besitz aufmerksam machen müssen, bevor sie dann duldsam oder sogar gastfreundlich werden. Aber irgendwann habe ich dann auch eingesehen, dass ein Kiesplatz irgendwo am Feldrand etwas anderes ist als ein Kiesplatz neben einer Kapelle. Vor allem in der Schweiz.
|ö| = KerLeone [Kommentare: 0]

[6.09.2005]
Lindau
Wer dicke Frauen in cremefarbenen Blusen und Karottenhosen und Männer mit Herrnhandtaschen sehen will, die eine Schifffahrt über den Bodensee machen, wer Mütter sehen will, die ihren Kindern nur eine halbe Kugel Eis kaufen, damit dem Kleinen nicht schlecht wird und dann zur Eisverkäuferin sagen "Packen Sie die Hälfte einfach noch bei meinen Kugeln mit dazu", wer Radler sehen will, die trotz Wursthaut-Anzug nur Schrittgeschwindigkeit treten, wer Tafelspitz im Gasthaus zur alten Post essen will, der ist in Lindau richtig.
|ö| = KerLeone [Kommentare: 2]
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